Pfunderer Höhenweg

Beim Start in Wiesen
Ursprünglich wollten Jonas und Michael diesen Sommer den Traumpfad München-Venedig gehen. Da ich nur zwei Wochen an Urlaub zur Verfügung hatte (aber nicht insgesamt), wollte ich sie in dieser Zeit begleiten. Allerdings kam es anders als geplant, und so beschlossen wir gemeinsam, den fünftägigen Pfunderer Höhenweg zu gehen.
Der Pfunderer Höhenweg führt von Wiesen bei Sterzing nach Pfalzen bei Bruneck. Übernachten wollten wir in Schutzhütten, da Zelt, Matte, Schlafsäcke und zusätzliche Nahrung unsere Rucksäcke zu schwer gemacht hätten. Sie wogen so schon ca. 15, 13 und 11 kg. 15 kg ist laut Recherche die Höchstlast, die ein Mann tragen sollte.
Erster Tag: Sterzing – Simile Mahd Alm
Um 8:00 Uhr stieg ich mit Jonas und Michael in den Zug in Bozen, der nach Sterzing rollte. Die beiden kamen von Stilfs und waren demzufolge schon zwei Stunden unterwegs. Um 9 kamen wir in Sterzing an, kauften noch letzte Nahrungsmittel und starteten dann Richtung Wiesen (natürlich gingen wir zuerst ein paar Minuten in die falsche Richtung). In Wiesen kaufte ich mir noch eine Sonnencreme für’s Gesicht, dann starteten wir über den Angerweg die ab dort markierte Tour. Die Markierung ähnelt einem Durchfahrtsverbotsschild, weiße Füllung mit rotem Rand. An diesem ersten Tag der Tour steigt man auf über die Waldgrenze und bleibt dort mehr oder minder in den kommenden Tagen. Allerdings lauerten uns in einem Waldbereich Stechmücken auf und versuchten, so viel Blut von uns wie möglich zu ergattern. Bei Jonas feierten sie die meisten Erfolge. Michael bekam auch Stiche ab, ich hingegen wurde verschont. Wird denen wohl mein Blut nicht geschmeckt haben.

Michl, Jonas und ich
Jonas hatte noch die nächsten Tage an den Stichen zu leiden, welche aufschwollen. Wie dem auch sei, nach der Gefahrenzone aßen wir zu Mittag und starteten weiter Richtung Höllenkragen, einem Gipfel, der die Route eigentlich nur streift, auf welchen wir aber dennoch hinauf ‘mussten’. Ab dem Höllenkragen ging es dem Grat entlang, bis die Abzweigung hinunter zur Simile Mahd Alm führte. Dort bekamen wir Carbonaranudel und ein kühles Hefeweizen, bevor wir es uns im Lager, das wir für uns alleine hatten, über dem Stall für die Nachtruhe gemütlich machten.
Zweiter Tag: Simile Mahd Alm – Brixner Hütte – Engberg Alm
Um sieben Uhr klingelte der Wecker. Raus aus der Matratze und den Decken, das Gesicht im Brunnen zu neuem Leben erweckt, und ab an den Frühstückstisch, wo wir uns für den zweiten Marsch stärkten. Laut unserem Wanderführer sollte die Route heute erst auf die Wilde Kreuzspitze (3132m), dann bis zur Brixner Hütte führen. Allerdings waren wir bereits gegen 14:00 bei besagter Hütte, genossen ein Weizen (Jonas trinkt während der ganzen Tour Alternativgetränke, Apfel- oderHolundersaft u.ä.) und machten uns dann weiter auf den Weg zur Engbergalm, einer Hütte auf 2123m im Weitenberg Tal. Gegen 6 Uhr kamen wir dort an und saßen kurze Zeit später mit den Almbewirtschaftern vor einem großen Topf dampfender Nudel mit Tomatensahnesoße. Dazu ein Gläschen Rotwein. Während des Essens erfuhren wir, dass das Hinweisschild zur Engbergalm neu angebracht werden musste, der Senn hatte das Brett bereits zurecht geschnitten.

Auf der wilden Kreuzspitze
Da ich sowieso noch mal 400Hm nach oben wollte, wo das Handy Empfang hatte, begleiteten mich Michl und Jonas, mit dem Hinweisschild, Hammer und Nägel ging es gegen 20:00 wieder aufwärts. Nach dem Anbringen des Schildes stiegen wir weiter hoch bis zum Grindlberg See auf 2494m, wo Jonas und ich jeweils mit den Liebsten telefonierten und Michl kurz am See verweilte. Danach, es begann zu dämmern, stiegen wir rasch wieder zur Oberen Engbergalm ab. In der gewärmten Stube saßen wir mit den Bewirtschaftern zusammen, schauten Bücher über das Weitenberg Tal und über Schafe in Südtirol an unterhielten uns. Danach legten wir uns erneut in ein mit Stallduft gefülltes Lager, das wir abermals für uns alleine hatten. In dieser Nacht wurde ich mehr als einmal vom Glockenläuten der Ziegen und dem Kacken der Kühe geweckt. SchönInteressant.
Dritter Tag: Obere Engbergalm – Edelrauthütte – Napfspitze ()
Gegen 7, nach einer Nacht in enger Verbindung mit den Düften und Geräuschen des Stalles unter uns, holte uns der Wecker in das bewusste Leben zurück. Nach einer kühlen Erfrischung im Brunnen nebenan bekamen wir von der Almwirtin ein reichliches Frühstück serviert, das uns gut tat und mit Kraft für den ersten Teil der Wanderung versorgte. Nebel zog auf, während wir von der Hütte Richtung Dannelscharte marschierten, auf der wir unseren ersten Häöhepunkt des Tages erreicht hatten. Da wir am Tag zuvor weiter gegangen waren als in unserem Führer beschrieben stand (Brixner Hütte), hatten wir an diesem Tag eine verkürzte Route zu gehen. Nach einem kurzen Abstieg nach dieser Scharte ging es links dem Hang entlang, etwas exponiert, auf die Gaisscharte. Von dort aus führt der Weg abwärts Richtung Eisbruggsee, und uns einen schönen Anblick bot, um inne zu halten und Mittag zu essen. Die Sultaninen wollten und wollten nicht weniger werden. Bereits gegen 14:00 trafen wir an der Edelrauthütte (2551m) ein, wo wir uns in die Sonne setzten und ein Weißbier schmecken ließen.

Nicht immer war heiter Sonnenschein
Nach dem Reservieren eines Zimmers für die Unterkunft über Nacht stellten wir die Rucksäcke dort ab und bestiegen den Napfspitz (2886m). Dort hatten wir auch Handyempfang, und so wurden unsere Liebsten angerufen und von der Reise berichtet. Laura wurde an diesem Tag 2 Jahre alt. In der Sonne war es auch auf dieser Höhe gut auszuhalten, ohne sich zu bewegen, so setzten wir uns in die Nähe des Gipfelkreuzes und lasen ein wenig in dessen Gipfelbuch. Danach stiegen wir zu der Hütte ab, aßen verschiedene Arten von Nudeln (schön scharf), tranken das eine und andere Bier und plauderten ein wenig mit dem Hüttenwirt. Zwischendurch traten wir vor die Hütte, um in der Nähe kämpfende Steinböcke zu beobachten. Die frische, kühle Luft trieb uns bald wieder in die Schutzhütte. Auch diese Nacht verbrachten wir drei alleine in einem Raum, und schliefen so mehr oder weniger durch bis in die Früh.
Vierter Tag: Edelrauthütte – Tiefrastenhütte
Nach dem für Wanderer schon fast obligatorischen Frühstück ging es erst einmal abwärts, am Eisbruggsee vorbei und später hinauf zur Kuhscharte. Dort trafen wir den ersten weiblichen Streckenposten für den Tiefrasten X-Trem Berglauf. Nachdem wir durch das nächste Tal gewandert waren, überholten uns die ersten Teilnehmer des Laufes kurz vor der Grupia Alm. Wir snackten ein wenig, beklatschten die Sportler und wurden mit Streckenposten verwechselt, da uns der Müll gereicht wurde. Nachdem wir einige der Führenden vorbeigelassen hatten, machten wir uns weiter auf den Weg, machten aber immer wieder Platz für die nachrückenden Bergläufer. Dafür bekamen wir bei der Gruipa Alm auch einen Selbstgebrannten Enzianschnaps. Brrr. Die Strecke der Bergläufer führte auf dem Pfunderer Höhenweg bis zur Tiefrastenhütte, welche also unser gemeinsames Ziel war. Im Gegensatz zu den anderen hatten wir keinen Stress und genossen die blumigen Wiesen und den schönen Ausblick in unberührte Natur vis-a-vis. Auf dem Passenjoch hatten Jonas und ich die prima Idee, die direkte weglose Route auf die Hochgrubbachspitze (2811m) zu nehmen. Michl folgte indessen dem Wegverlauf bis zur Hochsägescharte. Etwas exponiert und unmarkiert suchten Jonas und ich uns einen Weg über den Nordgrat, wo wir teilweise klettern ‘durften’. Anstrengend, aber als Abwechslung zum normalen Gehen durchaus gelegen. Michl hingegen legte kurz unterhalb der genannten Scharte den Rucksack ab und stieg ebenfalls auf die Hochgrubbachspitze. Er kam vor uns an und knipste ein paar Fotos von uns, wie wir uns den Grat hocharbeiteten.

Blühende Almwiesen
Kleine Schneeflöckchen trieben im Gipfelbereich umher, und bald brachen wir zum Abstieg auf. An der Hütte angekommen, erwartete uns ein Trubel sondergleichen. Die Ankömmlinge des Berglaufs feierten hier nämlich die Ankunft mit teils übermäßigem Alkoholkonsum. Der Alkoholkonsum wurde auch einem Helfer fast zum Verhängnis, welcher den Abstieg vor unseren Augen antrat. Seine Fortbewegungsart mit den zwei Wanderstöcken ließ uns fast den Atem stocken, zwei Stürze innerhalb der ersten Minuten erforderten unsere Hilfsbereitschaft. Die Rucksäcke ließen wir bei der Hütte, und im Laufschritt (das Hefecola schwappte im Bauch unruhig hin und her) starteten wir die Verfolgung, die zuerst einmal zügig Richtung Kompfoss-Scharte aufwärts ging. Wäre der Weg nicht bereits gewesen, hätte man den Wanderer auch anhand seiner Spur gefunden, die er mit seinem Blut legte. Jonas und Michl erreichten den Herrn vor mir, als ich nachkam, bot sich mir ein blutüberströmtes Gesicht eines Mittvierzigers. Die Verletzung muss er sich bei den zwei von uns beobachteten Stürzen geholt haben, die Wunde an der Stirn blutete jedenfalls recht stark, und das Rot tropfte von seiner Nasenspitze. Zuerst ließen wir den Verletzten, angetrunkenen Mann sich das Gesicht im Kompfosser See waschen. Hilfe wollte er nicht, aber sein Gang (beeinträchtigt durch eine Krankheit, wie er uns später mitteilte) ließ nicht auf einen Abstieg ohne weiteren Stürze hoffen. So begleiteten wir ihn auch gegen seinen Willen. Als wir etwas später bei der Kompfoss-Hütte ankamen, schossen wir ein Gruppenfoto und entließen den inzwischen etwas ausgenüchterten Pusterer aus der Begleitung. In der Zwischenzeit hatte sich auch der Hunger wieder gemeldet, so hatten wir es nun eilig, zu der Hütte zurückzukommen, in der Hoffnung, dass sich der Speisesaal ein wenig gelichtet hatte. Nach dem erneuten Aufstieg zur Kompfoss-Scharte und dem kurzen Abstieg zur Hütte saßen wir etwas später in der von Schweißgeruch getränkten Stube.
Die Bestellung ging schnell, und nach kurzer Zeit stand unser Essen (ich gönnte mir ein Wienerschnitzel) auf dem Tisch, dazu eine große Hefe-Cola. Nach dem Mahl blätterten wir einige Bücher zu alpinen Themen durch, die auf einem Regal an der Wand neben dem Tisch standen, ratschten mit einem Sarntaler und einem Teilnehmer des Berglaufs, bis die Augen müde wurden. In dieser letzten Nacht schliefen wir das erste Mal mit anderen in einem Raum, wohl auch nur des Berglaufes wegen. Aufgrund des langen Tages verlief die Nacht, zumindest für mich, in tiefstem Schlaf, die nur zweimal unterbrochen wurde, da die viele getrunkene Flüssigkeit mich auf die Toilette schickte.

Edelweiß
Fünfter Tag: Tiefrasten-Hütte – Bruneck
Bereits am Morgen entschieden wir uns für eine andere Route als laut Höhenwegbeschreibung vorgegeben. Wir wollten uns den Kempspitz (2702m) nicht entgehen lassen, welcher gleich neben der Tiefrastenhütte 400m in die Höhe ragt. Nebel umhüllt den Gipfel, als wir wenig später am Gipfelkreuz stehen. Wir machten uns auf zum Abstieg, merkten aber gleich, dass wir falsch waren in unserer Intuition. Wir kehrten um und stiegen auf der richtigen Seite wieder ab, um erneut den Aufstieg zum Reisnock (2664m) in Angriff zu nehmen. Nach einer kurzen Rast mit Einnahme des Halbmittags ging es abwärts zum Großen Tor, von wo aus wir wieder der offiziellen Höhenwegroute folgten. Schöne Landschaften prägten die Täler ringsum, kaum Zivilisation war zu sehen, doch unser Ziel war nicht mehr weit. Dachten wir, als wir beim Kleinen Tor vorbeimarschierten Richtung Zwölferspitz. Danach kam die Putzenhöhe, nach einem weiteren ab und auf der Bärentalspitz, wenig später die Plattnerspitze, dann ein Gipfelkreuz ohne Namen, bevor wir auf dem Sambock (lt. Michl eine schöne Tourenski-Tour im Winter) den letzten Proviant verzehrten. Schnurstracks ging es nun nach unten, nach langem wieder durch Wald, und am späten Nachmittag kamen wir am Gasthaus Kofler am Kofl oberhalb Pfalzen an.
Hier verließen wir endgültig den Pfunderer Höhenweg (welcher nach Pfalzen führt) und stiegen den Weg Nr. 66 nach St. Georgen ab. Leider verpassten wir den Bus in dem schönen St. Georgen, da uns der Hunger in einen Kebap-Laden trieb. So marschierten wir halt zu Fuß weiter bis nach Bruneck zum Zugbahnhof. Zugstreik. Prima, also rief ich meine Petra an, die sich unserer Sorge annahm und vom Ritten aufmachte, um uns mit dem Auto abzuholen. In der Zwischenzeit aßen wir ein Pizza in Bruneck und verbreiteten dann auf einem Platz vor einem Kaffe den Geruch des tagelangen Aufenthalts in den Bergen. Petra kam, und wir fuhren Michl und Jonas nach Meran, wo sich unsere Wege nach fünf Tagen intesiven Zusammenseins, auch mit der Natur, wieder trennten.
Jous und Michl, af enkre Foto wort i nou, ober i donk enk fir dei feinen Tog in die Berg!
